Wenn ein Mensch gegangen ist, dann wird er beigesetzt. Das ist soweit banal. Entscheidend ist die Frage nach dem Wie. In der Beisetzungskultur spiegeln sich Religion und gesellschaftliche Verhältnisse. Urnenbeisetzung, anonyme Gräberfelder, pflegeleichte Steinwüsten auf den Grabstellen… Was unterscheidet gestalterisch betrachtet diese Grabstellen denn vom Soldatengrab? Kreuz drauf, Wiese fertig, der Nächste? Polemisch gedacht, sicher. Aber mal im Ernst, wo drückt diese Friedhofskultur noch Trauer, Trost, Erinnerung an ein gelebtes und für einen Kreis bedeutsames Leben aus? Wo gibt es einen Platz für die großen Fragen angesichts von Tod und Sterben?
Früher war es Tradition, den Toten ihre Lieblingsdinge als Grabbeigaben mit auf den Weg zu geben und Gräber als Denkmäler gelebten Lebens der Verstorbenen zu gestalten. Zumindest Adel und später das aufstrebende Bürgertum sahen in der Friedhofskultur eine Möglichkeit der Selbstdarstellung, in der es nicht nur um die Verstorbenen, sondern mindestens ebenso um die der Hinterbliebenen ging. (Jedem empfehle ich einen Besuch mehrere hundertjahre alter Friedhöfe zur Veranschaulichung) Wie uniform sehen dagegen heutige moderne Gräber aus. Was verraten sie dem Besucher über das Leben der Toten, was über die Hinterbliebenen? Beinahe normiert und industriell vorproduziert fügen die Gräber sich in eine vom Friedhofsamt definierte Ordnung. Doch hier soll es nicht um eine pauschale Kritik an der Trauerkultur gehen. Vielmehr wollen wir hier eine Möglichkeit schaffen, mit digitalen Gestaltungsmitteln dem Leben der Verstorbenen zu gedenken und sicher dabei auch wie in den Denkmälern der alten Friedhöfe auch uns selbst zum Ausdruck bringen. Dies kann in ebenso vielfältiger Weise geschehen wie es die virtuelle Welt erlaubt und hergibt. Bilder aus dem Leben der Verstorbenen sind dabei nur ein Gestaltungsmittel unter vielen. Lieblingsmusik, Lieblingsfilme, Texte über die Toten und ihr Leben, FamilienClips… Es gibt soviele Möglichkeiten, mit denen die Verstorbenen mit anderen geteilt geteilt werden können.. Selbst ein digitales Kondolenzbuch ist denkbar, in dem die Hinterbliebenen mit anderen in Dialog treten und gemeinsam Trauer und Trost erleben können.
Natürlich gibt es schon Seiten im Netz, die genau das anbieten. Eine Übersicht findet sich hier Schon auf den ersten überfliegenden Blick zeigt sich aber, dass die Anbieter offenbar weniger auf Stetigkeit setzen als wir das von einem ”Friedhof” gewohnt sind. Selbst das Angebot der EKD zieht in diesen Tagen um und löscht, wer nicht ausdrücklich mit umziehen will. Ich stelle mir nun vor, ein QR_Code verwiese auf dem Grabstein auf den virtuellen Friedhof. Eine Löschung machte ihn künftig zu einem ”toten” Verweis. Schade, wenn die digitale Erinnerungskultur so von Kurzlebigkeit bedroht ist. Vorläufig und um zu zeigen, wie ich mir ein solches Angebot vorstelle, habe ich diese kleine Seite eröffnet. Wem die Idee und vielleicht auch die Möglichkeiten zur freien Gestaltung hier gefallen, den lade ich ein, hier Seiten für ihre Verstorbenen einmal erstellen zu lassen/ oder selbst zu erstellen. Schreiben Sie mir dann einfach eine Mail: admin@heimgegangen.com Mir scheint aber bedeutsam: Virtuelles und reales Grab sollten (per QRCode) verknüpft sein. Am Beispiel der Seite meiner Eltern sähe der so aus und kann mit einer Qr-LeseApp genutzt werden, um direkt am Grab, die Seite aufzurufen. Das virtuelle Gedenken sollte auf mehrere Jahre hin angelegt sein. Erinnern, trauern, Trost suchen und spenden sollten hier möglich sein. Zum Schluss aber noch eine Anekdote aus dem Leben meines Vaters. Es gab zwischen ihm und seiner Mutter eine über Jahre sich hinziehende ”Gesprächspause”. Irgendwann kam es zu neuerlicher Annäherung. Familienbesuche waren so für kurze Zeit im Vorfeld des Todes meiner Oma durchaus wieder üblich, wenngleich sie aufs Ganze gesehen doch selten blieben. Als nun meine Oma mit gut 90 Jahren verstarb und wir gemeinsam an der Beisetzung teilnahmen, stand mein Vater neben mir am offenen Grab seiner Mutter und weinte, wie ich ihn selten habe weinen sehen. Als ich ihn irritiert über seine Gründe befragte, antwortete er mir: ” Ich weine ja gar nicht um Oma, ich weine um mich”. Ich frage mich, ob darin nicht eine zutreffende Charakterisierung von Trauer insgesamt formuliert ist und die auch Leitmotiv für eine digitale Darstellung sein könnte. Sicher, digital weinen ist eine absurde Vorstellung. Aber…eine digital aufgestellte Erinnerungskultur, die die Ausdrucksformen realer Friedhöfe unterstützt, begleitet, ggfls erweitert scheint mir gar nicht so absurd. Die Lebenden wie die Toten sind hier gleichzeitig Inhalt.Beide geraten noch einmal zueinander in Beziehung. Weit mehr als bloßes Archiv. Es könnte über den Tod hinaus gestalteter Beziehungsraum sein. Meist von dem gestaltet, der am offenen Grab auch über sich geweint hat.Die Lebenden wie die Toten sind darin gleichzeitig Inhalt. Probieren wirs?