Epilog im Himmel

Anwesend: 

  • Der Herr
  • Die Mutter
  • Der Versucher
  • Der Arschkriecher

Ort: Himmlischer Vorhof

Der Arschkriecher: 

Und schnell und unbegreiflich schnelle

Dreht sich umher der Erde Pracht;

Es wechselt Paradieses Helle

Mit tiefer, schauervoller Nacht.

Der Anblick gibt den Engeln Stärke,

Da keiner dich ergründen mag,

Und alle deine hohen Werke

Sind herrlich wie am ersten Tag.

Der Versucher:

Verzeiht, das Wort klingt so gesalbt, dass ich es nicht zu übertreffen weiß. Auch scheint es mir ein wenig zu geschmeidig, dass es mir doch für einen andern Eingang als den der Ohrmuschel gesprochen scheint. Geschmeidig flutscht es gerne dem hohen Herrn ganz unten rein. Ich lass daher das Deklamieren und spreche menschlich mit dem armen Menschlein hier. Ist sie nicht gerade erst durch Schmerzenstore hierher zu uns gekommen? Herrlich war dein Dasein und hast du angebetet die hohen Werke? Oder stecktest du nicht dauernd in schauervoller Nacht?

Die Mutter:

Ach, ihr Herren, von hohen Werken versteh ich nichts. Ich war auf der Erde doch nur eine einfache Frau. Vorhin schwätzte jemand von Paradieses Helle. Ich kann nur sagen: Das Paradies war in meiner Kindheit. Ich nenn es Heimat. Dann musst ich es verlassen, fand noch 2x ein Zuhause. Aber auch die musste ich verlassen, ist nicht, war nicht Heimat. Die Speise zu haben, ein warmes Bett wie ich es die letzten 7 Jahre meines langen Lebenshatte, ist wahrlich nicht selbstverständlich aber allein auch nicht genug. Mein Leben ist Vertreibung. Womit hab ich das verdient?

Der Herr

Nun, was Vertreibung aus der Paradieses Helle angeht, so ist das mein Spezialgebiet. Seit Anbeginn der Menschheit wird mir zum Vorwurf gemacht, dass ich 1x den Richter gespielt habe. Was glaubst du denn Mütterchen, warum du deine Heimat verlorst?

Die Mutter:

Ich weiß schon, der Herr wäscht seine Hände in Unschuld. Darin ist kein Unterschied zwischen ihm und anderen. Die hohe Politik, die Schwiegermutter oder meine Gebrechlichkeit haben mir meine Heimat und meine Zuhause genommen. Doch das sind nur Worte, Geklingel für mich. Wie hoch ist denn der hohe Herr wirklich, wenn er Machtgier, Bosheit und Krankheit zulässt? Ich kann nur an den hohen Herrn glauben, wenn ich seine Allmacht anbete. Also hat er mich gestraft. Aber für was nur? Mit was hab ich verdient, fremd zu werden auf der Erde?

Der Arschkriecher

Was unterstehst du dich? Du stellst den Höchsten der Hohen auf eine Stufe mit der Schwiegermutter? Du klagst den an, der alles gemacht hat? Schöpfer des Himmels und der Erde? Den, dessen Weisheit der kleine Mensch nicht mal im Ansatz ergründen kann?- Weiche, du vermessenes Menschlein.

Der Versucher

Und ist keine Gerechtigkeit zu erkennen, zwischen dem, was der Mensch tut im Leben und dem, was er als Lohn empfängt, wozu soll er dann noch Sonn- wie Werktag in die Kirche rennen und den guten Herr Gott anbeten. Nein, Mütterchen, die Welt ist voll Unrecht und die Bösesten und Hinterhältigsten erreichen den höchsten Lohn. Ist es nicht so, Mütterchen?

Die Mutter

Beten?- Dazu hatte ich in meinem Leben gar keine Zeit. Ja, ich klage an, wenn die Herren es so sagen wollen. Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob das hier ein Gericht ist. Einen Richter hab ich unten Ihnen, meine Herren noch nicht entdeckt. Ich klage den Höchsten an, dass er mir im Leben alles nahm, wofür ein Mensch sich abstrampeln mag. Die Heimat, mein geliebtes Sudetenland zuerst, Prag , Paradies meiner glücklichen Kinder und Jugendtage. … Fort, hinaus, an den Laternen hingen blass, die nicht gehen wollten Ehrenspalier für mich und meine Familie. Unsere, meine einzige Schuld lag darin, Deutsche zu sein. Dann meine Mutter schon bald, die geschwächt vom Tumor doch lebend noch auf diese Totenreise musste. Fortan lief ich durch die Welt und suchte, was ich dort verlor: Geborgenheit, Zugehörigkeit, die Selbstverständlichkeit einfach sein zu dürfen….

Der Arschkriecher

Und siehst du nicht die ungeheuerliche Schuld des Volkes, zu dem du damals wie gerade gestern noch zähltest?

Der Versucher

Was faselt er von Schuld? Worin soll sie denn bestanden haben für ein gerade 20 Jahre zählendes Mädchen? Hör nicht darauf. Von Schuld zu reden war schon immer der Trick, dich in die Sklaverei der Moral und des Anstandes zu zwingen, ohne zu überlegen, was genau denn unanständig war, sein konnte am Tun eines jungen Menschen. Wasch dich rein von diesen sinnlosen Anwürfen. Du warst doch nur wie alle. Und wolltest nur wie alle dein Teil vom Glück.

Die Mutter

Wer redet da vom Glück? Was soll das sein für einen, dem man alles nahm, von dem ich glaubte, es sei zumindest ein Teil des Glücks…Kinder, ein Haus, der Mann. Ach, Kinder, ihr Menschen, die mich hören wollen, ich bin ja so unglücklich. Glück hätte ich so gern gehabt. Früher, in der Heimat vor der Vertreibung, das war Glück. Mein ganzes spätere Leben habe ich dieses vergangene Glück gesucht und immer wieder nur Plackerei, Mühsal, Steine und Schaufeln gefunden. Das war meine Sklaverei.

Der Herr

Mütterchen, was redest du von Sklaverei, hab ich dich geheißen, ein Haus zu bauen? Kinder zu gebären und groß zu ziehen? Teure Autos, teure Hobby,Hunde dir zu halten? Du wolltest doch im neuen Land etwas gelten wie früher im alten, das du Heimat nennst. Hab ich dich dazu angehalten? Ich habe dir wie allen Menschen immer wieder den Gedanken der Freiheit geschenkt, habe ausdrücklich deinesgleichen mir ähnlich gemacht. Nur eines hab ich dir verwehrt, wie allen anderen auch: Mütterchen, das Paradies, aus dem du fielst, krochest,  ist verschlossen und mein treuer Gabriel bewacht die Pforte durch die kein Lebender mehr schreitet. 

Der Arschkriecher

Und sieh, so ist die Welt doch wohl geordnet. Der Herr wohnt in der Villa im Paradies, seine Security verwehrt dir den Eintritt. Aber du weißt, wohin du möchtest. Sei dankbar, so hat dein Leben doch Ziel und Sinn. Ist das nicht aller Mühen wert?

Die Mutter (murmelt)

Wo wir sind, ist nicht Heimat. 

Woher wir kommen aber immer. 

Der Arschkriecher

Hast du denn nicht zugehört? Der Herr weist dir den Weg. Dreh dich nicht dauernd um , wie einst Lots Frau, wenn du verstehst, was ich meine. Wenn du darauf schaust, was du verlassen musstest, so wirst du in der kalten Gegenwart erstarren. Du musst die Richtung deines Blickes ändern. (Lacht) Schau nach vorn, nicht zurück, zwingen kannst du kein Glück….

Der Versucher

Hör nicht auf ihn. Bei dem Hin oder Hergucken wirst du dir nur den Hals verrenken. Und am Ende verdienen nur die Therapeuten an dir. Sammle Augenblicke. Mehr kannst du nicht tun. Das Glück? Gibt’s nicht im Ganzen. Das Schwert mit Flammen hat es längst zerschlagen. Sammle, verzichte auf das Ganze. Illusionstheater…Sei ein Clown in deiner Zeit mitten in den Ruinen dieses verlorenen Paradieses.

Die Mutter

Wie hätte ich Leben gebären können ohne die Hoffnung, das Verlorene, die Geborgenheit, Heimat wiederzufinden? Woher wir kommen, war Heimat. Ich hatte gedacht, meine Kinder, mein Haus könnte mir das alte Gefühl zurückbringen. Wozu hätte ich mich im Jetzt so geschunden ohne diese Hoffnung? Aber wo wir sind ist nicht Heimat.

Nun heißt es: Wohin du gehst, da….? – Die Welt dreht sich dumm, die Welt dreht sich stumm, immer nur im Kreis herum.

Der Herr

Mütterchen, Mütterchen, hast du nie daran gedacht, dass das Wichtige durch Geschenke in dein Leben kommt?

Die Mutter

Das versteh ich nicht. Mir hat man im Leben nichts geschenkt. Ich hab mir alles hart erarbeitet.

Der Arschkriecher

Die Liebe, Mütterchen, die Liebe….

Die Mutter

Ach was, die Liebe, wer liebt den Dummen, Faulen, Erfolglosen? Nein, meine Herren, die Liebe, Botschafterin Ihres schönen Schmuhs. Nein, die Liebe war nie Zeichen für einen anderen Weg zum Glück. Die Liebe war für mich auch nur Arbeit, Anstrengung, Vergeblichkeit und am Ende zerfällt sie wie alles andere zu Staub in deinen, meinen Händen

Der Versucher

Wohl gesprochen, sammle, raffe, verschlinge, was du kriegen kannst. Sei dir bewusst, es gibt nichts Anderes. Auch wenn das nicht das große, ganze Glück ist, das dir im Kopf rum spukt.

Der Herr

Mütterchen, wie könntest du Neues finden, wenn du es suchst? Hast du dir diese Frage schon einmal gestellt? Nehmen wir einmal an, du suchst deine Uhr. Du hast sie am Abend irgendwo abgelegt…Es ist deine Uhr, die alte….Findest du sie, so wird nichts Neues in deinem Leben. Findest du sie aber nicht, so gehst du und suchst dir irgendwo eine Neue. Aber es ist auch wieder nur eine Uhr. Nichts Neues, Finden-Wollen im bereits Bekannten. Finden ohne zu suchen ist das heilige Abenteuer. Ein Wagnis gewiss. Aber ein Wagnis, auf das sich nur der einlassen kann, der sich im Ungewissen geborgen weiß, der sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen kann. Das konntest du wohl nicht, Mütterchen.

Der Arschkriecher

Wohl gesprochen, der Herr, wohl gesprochen. 

Der Versucher

Auch wenn’s nun für dich alte Frau zu späte Worte sind.

Der Herr

Worte eines großen Künstlers. Nicht von mir ursprünglich. Aber die Urheberschaft tut für den Wahrheitsgehalt nichts zur Sache.

Mütterchen, so geh durchs Tor nun hinein.

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