Ein Jahr ohne dich

Ein Jahr ohne dich

Vor einem Jahr bist du gegangen 

Auf eine Reise ohne Wiederkehr

Ein tiefer Schmerz hält mich gefangen

Ich vermisse dich so sehr

Traurig steh ich, wie verloren

Oft an deinem stillen Grab

Niemand kann mir wiedergeben

Was ich verloren hab.

Dieser Text fand sich in den handschriftlichen Unterlagen meiner Mutter, Marianne Emmrich. Sie hat ihn offenbar aus einer fremden Textsammlung entnommen

Epilog im Himmel

Anwesend: 

  • Der Herr
  • Die Mutter
  • Der Versucher
  • Der Arschkriecher

Ort: Himmlischer Vorhof

Der Arschkriecher: 

Und schnell und unbegreiflich schnelle

Dreht sich umher der Erde Pracht;

Es wechselt Paradieses Helle

Mit tiefer, schauervoller Nacht.

Der Anblick gibt den Engeln Stärke,

Da keiner dich ergründen mag,

Und alle deine hohen Werke

Sind herrlich wie am ersten Tag.

Der Versucher:

Verzeiht, das Wort klingt so gesalbt, dass ich es nicht zu übertreffen weiß. Auch scheint es mir ein wenig zu geschmeidig, dass es mir doch für einen andern Eingang als den der Ohrmuschel gesprochen scheint. Geschmeidig flutscht es gerne dem hohen Herrn ganz unten rein. Ich lass daher das Deklamieren und spreche menschlich mit dem armen Menschlein hier. Ist sie nicht gerade erst durch Schmerzenstore hierher zu uns gekommen? Herrlich war dein Dasein und hast du angebetet die hohen Werke? Oder stecktest du nicht dauernd in schauervoller Nacht?

Die Mutter:

Ach, ihr Herren, von hohen Werken versteh ich nichts. Ich war auf der Erde doch nur eine einfache Frau. Vorhin schwätzte jemand von Paradieses Helle. Ich kann nur sagen: Das Paradies war in meiner Kindheit. Ich nenn es Heimat. Dann musst ich es verlassen, fand noch 2x ein Zuhause. Aber auch die musste ich verlassen, ist nicht, war nicht Heimat. Die Speise zu haben, ein warmes Bett wie ich es die letzten 7 Jahre meines langen Lebenshatte, ist wahrlich nicht selbstverständlich aber allein auch nicht genug. Mein Leben ist Vertreibung. Womit hab ich das verdient?

Der Herr

Nun, was Vertreibung aus der Paradieses Helle angeht, so ist das mein Spezialgebiet. Seit Anbeginn der Menschheit wird mir zum Vorwurf gemacht, dass ich 1x den Richter gespielt habe. Was glaubst du denn Mütterchen, warum du deine Heimat verlorst?

Die Mutter:

Ich weiß schon, der Herr wäscht seine Hände in Unschuld. Darin ist kein Unterschied zwischen ihm und anderen. Die hohe Politik, die Schwiegermutter oder meine Gebrechlichkeit haben mir meine Heimat und meine Zuhause genommen. Doch das sind nur Worte, Geklingel für mich. Wie hoch ist denn der hohe Herr wirklich, wenn er Machtgier, Bosheit und Krankheit zulässt? Ich kann nur an den hohen Herrn glauben, wenn ich seine Allmacht anbete. Also hat er mich gestraft. Aber für was nur? Mit was hab ich verdient, fremd zu werden auf der Erde?

Der Arschkriecher

Was unterstehst du dich? Du stellst den Höchsten der Hohen auf eine Stufe mit der Schwiegermutter? Du klagst den an, der alles gemacht hat? Schöpfer des Himmels und der Erde? Den, dessen Weisheit der kleine Mensch nicht mal im Ansatz ergründen kann?- Weiche, du vermessenes Menschlein.

Der Versucher

Und ist keine Gerechtigkeit zu erkennen, zwischen dem, was der Mensch tut im Leben und dem, was er als Lohn empfängt, wozu soll er dann noch Sonn- wie Werktag in die Kirche rennen und den guten Herr Gott anbeten. Nein, Mütterchen, die Welt ist voll Unrecht und die Bösesten und Hinterhältigsten erreichen den höchsten Lohn. Ist es nicht so, Mütterchen?

Die Mutter

Beten?- Dazu hatte ich in meinem Leben gar keine Zeit. Ja, ich klage an, wenn die Herren es so sagen wollen. Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob das hier ein Gericht ist. Einen Richter hab ich unten Ihnen, meine Herren noch nicht entdeckt. Ich klage den Höchsten an, dass er mir im Leben alles nahm, wofür ein Mensch sich abstrampeln mag. Die Heimat, mein geliebtes Sudetenland zuerst, Prag , Paradies meiner glücklichen Kinder und Jugendtage. … Fort, hinaus, an den Laternen hingen blass, die nicht gehen wollten Ehrenspalier für mich und meine Familie. Unsere, meine einzige Schuld lag darin, Deutsche zu sein. Dann meine Mutter schon bald, die geschwächt vom Tumor doch lebend noch auf diese Totenreise musste. Fortan lief ich durch die Welt und suchte, was ich dort verlor: Geborgenheit, Zugehörigkeit, die Selbstverständlichkeit einfach sein zu dürfen….

Der Arschkriecher

Und siehst du nicht die ungeheuerliche Schuld des Volkes, zu dem du damals wie gerade gestern noch zähltest?

Der Versucher

Was faselt er von Schuld? Worin soll sie denn bestanden haben für ein gerade 20 Jahre zählendes Mädchen? Hör nicht darauf. Von Schuld zu reden war schon immer der Trick, dich in die Sklaverei der Moral und des Anstandes zu zwingen, ohne zu überlegen, was genau denn unanständig war, sein konnte am Tun eines jungen Menschen. Wasch dich rein von diesen sinnlosen Anwürfen. Du warst doch nur wie alle. Und wolltest nur wie alle dein Teil vom Glück.

Die Mutter

Wer redet da vom Glück? Was soll das sein für einen, dem man alles nahm, von dem ich glaubte, es sei zumindest ein Teil des Glücks…Kinder, ein Haus, der Mann. Ach, Kinder, ihr Menschen, die mich hören wollen, ich bin ja so unglücklich. Glück hätte ich so gern gehabt. Früher, in der Heimat vor der Vertreibung, das war Glück. Mein ganzes spätere Leben habe ich dieses vergangene Glück gesucht und immer wieder nur Plackerei, Mühsal, Steine und Schaufeln gefunden. Das war meine Sklaverei.

Der Herr

Mütterchen, was redest du von Sklaverei, hab ich dich geheißen, ein Haus zu bauen? Kinder zu gebären und groß zu ziehen? Teure Autos, teure Hobby,Hunde dir zu halten? Du wolltest doch im neuen Land etwas gelten wie früher im alten, das du Heimat nennst. Hab ich dich dazu angehalten? Ich habe dir wie allen Menschen immer wieder den Gedanken der Freiheit geschenkt, habe ausdrücklich deinesgleichen mir ähnlich gemacht. Nur eines hab ich dir verwehrt, wie allen anderen auch: Mütterchen, das Paradies, aus dem du fielst, krochest,  ist verschlossen und mein treuer Gabriel bewacht die Pforte durch die kein Lebender mehr schreitet. 

Der Arschkriecher

Und sieh, so ist die Welt doch wohl geordnet. Der Herr wohnt in der Villa im Paradies, seine Security verwehrt dir den Eintritt. Aber du weißt, wohin du möchtest. Sei dankbar, so hat dein Leben doch Ziel und Sinn. Ist das nicht aller Mühen wert?

Die Mutter (murmelt)

Wo wir sind, ist nicht Heimat. 

Woher wir kommen aber immer. 

Der Arschkriecher

Hast du denn nicht zugehört? Der Herr weist dir den Weg. Dreh dich nicht dauernd um , wie einst Lots Frau, wenn du verstehst, was ich meine. Wenn du darauf schaust, was du verlassen musstest, so wirst du in der kalten Gegenwart erstarren. Du musst die Richtung deines Blickes ändern. (Lacht) Schau nach vorn, nicht zurück, zwingen kannst du kein Glück….

Der Versucher

Hör nicht auf ihn. Bei dem Hin oder Hergucken wirst du dir nur den Hals verrenken. Und am Ende verdienen nur die Therapeuten an dir. Sammle Augenblicke. Mehr kannst du nicht tun. Das Glück? Gibt’s nicht im Ganzen. Das Schwert mit Flammen hat es längst zerschlagen. Sammle, verzichte auf das Ganze. Illusionstheater…Sei ein Clown in deiner Zeit mitten in den Ruinen dieses verlorenen Paradieses.

Die Mutter

Wie hätte ich Leben gebären können ohne die Hoffnung, das Verlorene, die Geborgenheit, Heimat wiederzufinden? Woher wir kommen, war Heimat. Ich hatte gedacht, meine Kinder, mein Haus könnte mir das alte Gefühl zurückbringen. Wozu hätte ich mich im Jetzt so geschunden ohne diese Hoffnung? Aber wo wir sind ist nicht Heimat.

Nun heißt es: Wohin du gehst, da….? – Die Welt dreht sich dumm, die Welt dreht sich stumm, immer nur im Kreis herum.

Der Herr

Mütterchen, Mütterchen, hast du nie daran gedacht, dass das Wichtige durch Geschenke in dein Leben kommt?

Die Mutter

Das versteh ich nicht. Mir hat man im Leben nichts geschenkt. Ich hab mir alles hart erarbeitet.

Der Arschkriecher

Die Liebe, Mütterchen, die Liebe….

Die Mutter

Ach was, die Liebe, wer liebt den Dummen, Faulen, Erfolglosen? Nein, meine Herren, die Liebe, Botschafterin Ihres schönen Schmuhs. Nein, die Liebe war nie Zeichen für einen anderen Weg zum Glück. Die Liebe war für mich auch nur Arbeit, Anstrengung, Vergeblichkeit und am Ende zerfällt sie wie alles andere zu Staub in deinen, meinen Händen

Der Versucher

Wohl gesprochen, sammle, raffe, verschlinge, was du kriegen kannst. Sei dir bewusst, es gibt nichts Anderes. Auch wenn das nicht das große, ganze Glück ist, das dir im Kopf rum spukt.

Der Herr

Mütterchen, wie könntest du Neues finden, wenn du es suchst? Hast du dir diese Frage schon einmal gestellt? Nehmen wir einmal an, du suchst deine Uhr. Du hast sie am Abend irgendwo abgelegt…Es ist deine Uhr, die alte….Findest du sie, so wird nichts Neues in deinem Leben. Findest du sie aber nicht, so gehst du und suchst dir irgendwo eine Neue. Aber es ist auch wieder nur eine Uhr. Nichts Neues, Finden-Wollen im bereits Bekannten. Finden ohne zu suchen ist das heilige Abenteuer. Ein Wagnis gewiss. Aber ein Wagnis, auf das sich nur der einlassen kann, der sich im Ungewissen geborgen weiß, der sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen kann. Das konntest du wohl nicht, Mütterchen.

Der Arschkriecher

Wohl gesprochen, der Herr, wohl gesprochen. 

Der Versucher

Auch wenn’s nun für dich alte Frau zu späte Worte sind.

Der Herr

Worte eines großen Künstlers. Nicht von mir ursprünglich. Aber die Urheberschaft tut für den Wahrheitsgehalt nichts zur Sache.

Mütterchen, so geh durchs Tor nun hinein.

Heimat? – Sehnsucht und Versprechen

oder über ein zentrales Motiv der Religion

Auch wenn nicht jeder der kölschen Mundart mächtig ist, so kann doch jeder dennoch verstehen, dass Brings hier singen vom Nachhausegehen nicht vom Zuhause sein. Aus dieser Spannung des Nichtseins und auf dem Weg zu dem Ziel ein ständiges Nochnichtsein erleben, entsteht eine tiefe Sehnsucht im Menschen. Sie kann, sollte er keine Antworten darauf finden, ihn in Verzweifelung und tiefe Trauer, in ein Gefühl der Sinnlosigkeit stürzen.

”Ach, Axel, ich bin ja so unglücklich”, sagte meine Mutter als Letztes auf ihrem Sterbebett.

Heimat, Verlust der Heimat durch Vertreibung blieb bis ins hohe Alter ihr Lebensthema, ihr Trauma. Trauma gehören therapeutisch bearbeitet. Dies soll hier nicht thematisiert werden. Ich möchte in diesem Artikel grundsätzlich über diesen Begriff nachdenken.

Zuerst tauchen folgende Fragen auf: Woher rührt die Vorstellung von Heimat, was sind die Triebkräfte dieses für das Glück, den Lebenssinn offenbar so bedeutsamen Gefühls und welche Antworten können hier vielleicht Hilfe anbieten?

Embrio in der Fruchtblase

Fortsetzung folgt….

Was ich weiß und wieder nicht. Mosaiksteine des Erinnerns im biografischen Arbeiten

Auf dem Grabstein eines der größten Philosophen des 20.Jahrhunderts, Ernst Bloch, sollen die 3 einfachen Sätze eingemeißelt stehen: 

  • Ich bin.
  • Ich hab mich nicht.
  • Ich werde.

3 Sätze, die das Fundament für Hoffnung bilden. Aus dem Sich-nicht-besitzen-wollen entsteht erst die Möglichkeit ständiger Erneuerung, ständigen Neu-Werdens, ohne das ja Hoffnung gar nicht denkbar wäre. 

Doch will ich einen Menschen beschreiben, so friert dieser Versuch beinahe zwangsläufig das ständige Werden zu einem Bild im gegebenen Augenblick ein.

Aus dem ständig sich verändernden Menschen wird etwas Starres, eine Statue.

Wenn die 3 einfachen Sätze Blochs also stimmen, dann muss jeder noch so sorgfältigen Beschreibung von Menschen also etwas Falsches von vornherein anhaften. Du sollst dir kein Bild machen, weder von dem, was im Himmel ist, noch von dem auf Erden. – Und doch tun wir es. Wir tun es, weil wir uns in diesem Augenblick verhalten müssen. Wie sollte das je funktionieren ohne gewisse Annahmen über das Sein des Anderen, der Anderen?

Ich denke, dass das Zauberwort, das diese Widersprüche glätten, gar auflösen kann “Dialog” heißt. Im Miteinander-Sprechen gibt es die Chance Sein, Werden-(Wollen) sowie die beschreibende Außenansicht zu vermitteln.

Wenn aber der oder die Beschriebene bereits verstorben ist?….

Ich gehe noch einmal auf die 3 einfachen Sätze zurück und variiere sie leicht:

  • Ich war.
  • Ich hatte mich nicht.
  • Ich wurde.

Ich denke, jedem fällt sofort die Veränderung des Sinns durch diesen schlichten Tempus-Wechsel auf. “Ich war” wird schon grammatisch zu einem kaum mehr erträglich korrekten Satz. Im Gegensatz zu “Ich bin” kann der Sprecher, der ja gegenwärtig spricht, seine Vergangenheitsform behaupten. Also verstehen wir den Satz auch gar nicht so. Sofort möchte wir nachfragen:”Ja, wer oder was warst du denn?” Der Satz ruft nach Ergänzung. 

Ähnlich verhält es sich mit dem “Ich wurde”. Entweder klingt auch dieser Satz nach Unabgeschlossenheit, die der Hörer des Satzes sofort durch Nachfragen aufgehoben sehen möchte, oder das “Ich wurde” ist selbst schon Abschluss, Festschreibung des zuvor geäußerten Satzes “Ich bin”. 

Vielleicht ist der mittlere Satz, das “Ich hatte mich” noch die akzeptablste Variante. Doch möchte ich als Schreiber und Hörer sofort ein “Aber” hinten dran stellen, mit dem ich den Satz weiterführe und abschließe. Etwa so:” Ich hatte mich nicht, aber schon bald fand ich mich”.

Was lehrt mich, uns dieses Nachdenken über grammatische Zeitformen? Die Vergangenheit drängt auf abschließende Konkretisierung. Sie ist nicht die Zeitform des Werdens, Veränderns- Nur die Gegenwart ist für das Werden offen.

Wenn ich also in meinem Trauer-Prozess hier meine Eltern beschreibe, so kann ich keine Korrekturen mehr im Dialog mit ihnen erwarten. Meine Beschreibungen werden zu Festschreibungen. Die kleine Sprachübung “aus der Gegenwart- in die Vergangenheitsform” mahnt mich, mein eigenes Bild meiner Eltern oder Verstorbenen, solang ich das jedenfalls kann, zu verändern und neu zu gestalten….Wir können Bilder unserer Verstorbenen auch wieder zerreißen oder zerbrechen und neu zusammensetzen. Oder… ich lasse zu, dass mein Bild von meinen Verblichenen durch die anderer ergänzt wird. So entstünde im Idealfall ein biografisches Mosaik.

Kurz davor

Erzählt nach einer Begebenheit am Sterbebett

von Axel Emmrich

Ob etwas davor oder danach kommt, ist nicht nur eine Frage der Chronologie. Es ist eine Frage des Übergangs und kann sein auch eine Frage der Richtung manchmal. Dann ist dies auch kein Gehen vielleicht, wie die Rede vom Übergang es nahe legt. Es kann auch ein Fallen, ein Schweben, ein Vergehen sein.

„Hast du Angst, davor?“ – fragte die Freundin. Er lag fast noch sitzend auf 4 Kissen. Seine Hand wischte über die blaue Decke, deren Leuchten etwas von der Klarheit eines Mittelmeertages ins Zimmer trug. „Ich hab hier Erdbeeren, es kommen mir jetzt oft die seltsamsten Dinge dazwischen. Eine andere Wirklichkeit, ich weiß nicht woher“, nuschelte er undeutlich ins triste Grau dieses JanuarMittags.

„Angst, … wenn du es sagst“, nahm er die Frage auf. „Ich weiß nicht, was sein wird, ob es einen Gang an die Klippen sein wird, ob es ein Stürzen sein wird, ein Fallen oder ein Fliegen wie mit einem Paragleiter in den Aufwinden der Thermik, der von der Sonne erhitzten Felswand. Oder wird die Sonne mir die Augen so blenden, dass überall nur noch Licht sein wird?“

„Du hast also aus Ungewissheit Angst“, griff der ebenfalls anwesende Freund in das Gespräch ein.

Ein wenig verdrehte der Patient die tief liegenden Augen. Ob als Kommentar oder von Müdigkeitswellen fortgetragen , blieb unklar…Die Freundin, der Freund, die Frau , der Sohn verharrten schweigend, sie warteten. Als er die Augen wieder öffnete, fragte der Freund:“Wenn du so weg dämmerst, verändert sich da der Höreindruck bei dir? Hallen dann unsere Stimmen, wie bei Fieberkranken?“, fragte der Freund „Sie klingen dann von immer weiter weg, aber nicht so wie im Fieber. Wenn ich Fieber hatte, fand ich das immer furchtbar. Dies hier ist anders. Die Stimmen verklingen jetzt eher, ohne jenes fiebernde Aufschrecken“. Er mühte sich sehr, der Frage so gut er noch konnte nachzusinnen. Wieder wischte seine Hand, so als wollte sie nach etwas greifen. Oder verwies sie jemand des Raums? Oder winkte sie Andeutungsvoll? „Stopp, Kindern ist der Durchgang hier verboten“, seufzte er, nur um gleich anzufügen: „Zack, schon wieder diese andere Wirklichkeit. Das habe ich in den letzten Tagen dauernd.“ Er lächelte. Vielleicht aus Scham? Vielleicht aus Sorge vor den darin möglichen Zeichen? Vielleicht, um die 4 anderen, die jetzt schon weiter weg waren von ihm, als sie es selbst merkten zu beschwichtigen? Sie waren da, sie wollten da sein, wenn er doch gehen wollte, musste…

„Und doch macht es Sinn, mein Lieber“, nahm der Freund den dünnen Faden der Worte zwischen Ihnen wieder auf, „Hier sollte Kindern der Durchgang verboten sein.“

Er reagierte nicht.“Es wäre schön, wenn dieses Verbot hier von allen beachtet würde, findest du nicht?“… Der Mensch in den Kissen lag still mit halb geschlossenen Augen. Die Lider verbargen kaum seinen Kampf, noch einen Augenblick im Hier und Jetzt zu bleiben.Noch war die Decke aus Diazepinen und Morphin dünn. So dünn, dass er unvermittelt die Augen aufriss und mit einer fast lässigen Handbewegung diesmal nach Tomaten griff, die nur ihm greifbar waren.„Schon wieder saust die rote Wirklichkeit auf mich zu.Ich kann nichts dagegen tun.“ „Erinnerst du dich an unsere Pfingstausflüge nach Texel?,“ lenkte die Freundin ab…., „ wie ihr Männer und deine Frau Frisbee gespielt habt am Strand, als eine offenbar super attraktive Frau in engem Bikini an der Wasserlinie entlang schlenderte und ihr, um ungenierter Blicke zu genießen mit einem kräftigen Wurf, Christel beschäftigtet mit dem Zurückholen der Scheibe?“ Er lächelte und kommentierte es nicht. Und auch seine Frau lächelte nur kurz. „ Ich meine,“ fuhr der Freund fort, „ was wirklich ist, lässt sich doch nicht so einfach sagen. Einig sind wir uns bei Frisbee-Scheibe, Sand, Meer und Frau im Bikini. Aber schon, über die Frage, ob sie schön war oder eher gutaussehend, dürfte nicht in jedem Fall Einigkeit herrschen. Erst recht nicht, ob sie so schön war, dass alle nur schauen wollten oder ob Du tatsächlich die Scheibe nur so warfst, dass Christel dich beim Schauen nicht störte.“ “Vielleicht ist das mit allen Anderem genauso?’ “ warf seine Frau ein… Wieder schwieg er.Die Stille schwebte im Raum, leichter Schneefall setzte draußen ein.War alles gesagt? … Der Freund nahm noch einen Anlauf: “Beim letzten Besuch versagte mir die Stimme. Ich wollte dir da schon sagen, wie froh ich bin, dass du mir und uns Freund warst über die vielen Jahre”. Er richtete sich energisch auf seinem Lager auf. Für einen Moment zog sich der Schleier des Beruhigungsmittels von seinem Gesicht zurück. Aus der Tiefe der Höhlen schienen die Augen noch einmal Glanz zu bekommen. Er erwiderte lächelnd : “Eine lange Zeit, wir haben viel gemeinsam unternommen. Danke euch beiden, danke”. Dann sank er wieder in seine Kissen. Er schwieg. Seine Frau wischte sich eine Träne. Der Freund, die Freundin nickten und der Sohn nahm still seine Hand.Warten ohne Sehnen, Warten auf das Klingeln der Haustürschelle. Der Medizinische Dienst war für 13.00 Uhr angekündigt

Digital trauern? Überlegungen zu einem zeitgemäßen Umgang mit dem Abschied

Wenn ein Mensch gegangen ist, dann wird er beigesetzt. Das ist soweit banal. Entscheidend ist die Frage nach dem Wie. In der Beisetzungskultur spiegeln sich Religion und gesellschaftliche Verhältnisse. Urnenbeisetzung, anonyme Gräberfelder, pflegeleichte Steinwüsten auf den Grabstellen… Was unterscheidet gestalterisch betrachtet diese Grabstellen denn vom Soldatengrab? Kreuz drauf, Wiese fertig, der Nächste? Polemisch gedacht, sicher. Aber mal im Ernst, wo drückt diese Friedhofskultur noch Trauer, Trost, Erinnerung an ein gelebtes und für einen Kreis bedeutsames Leben aus? Wo gibt es einen Platz für die großen Fragen angesichts von Tod und Sterben?

Früher war es Tradition, den Toten ihre Lieblingsdinge als Grabbeigaben mit auf den Weg zu geben und Gräber als Denkmäler gelebten Lebens der Verstorbenen zu gestalten. Zumindest Adel und später das aufstrebende Bürgertum sahen in der Friedhofskultur eine Möglichkeit der Selbstdarstellung, in der es nicht nur um die Verstorbenen, sondern mindestens ebenso um die der Hinterbliebenen ging. (Jedem empfehle ich einen Besuch mehrere hundertjahre alter Friedhöfe zur Veranschaulichung) Wie uniform sehen dagegen heutige moderne Gräber aus. Was verraten sie dem Besucher über das Leben der Toten, was über die Hinterbliebenen? Beinahe normiert und industriell vorproduziert fügen die Gräber sich in eine vom Friedhofsamt definierte Ordnung. Doch hier soll es nicht um eine pauschale Kritik an der Trauerkultur gehen. Vielmehr wollen wir hier eine Möglichkeit schaffen, mit digitalen Gestaltungsmitteln dem Leben der Verstorbenen zu gedenken und sicher dabei auch wie in den Denkmälern der alten Friedhöfe auch uns selbst zum Ausdruck bringen. Dies kann in ebenso vielfältiger Weise geschehen wie es die virtuelle Welt erlaubt und hergibt. Bilder aus dem Leben der Verstorbenen sind dabei nur ein Gestaltungsmittel unter vielen. Lieblingsmusik, Lieblingsfilme, Texte über die Toten und ihr Leben, FamilienClips… Es gibt soviele Möglichkeiten, mit denen die Verstorbenen mit anderen geteilt geteilt werden können.. Selbst ein digitales Kondolenzbuch ist denkbar, in dem die Hinterbliebenen mit anderen in Dialog treten und gemeinsam Trauer und Trost erleben können.
Natürlich gibt es schon Seiten im Netz, die genau das anbieten. Eine Übersicht findet sich hier Schon auf den ersten überfliegenden Blick zeigt sich aber, dass die Anbieter offenbar weniger auf Stetigkeit setzen als wir das von einem ”Friedhof” gewohnt sind. Selbst das Angebot der EKD zieht in diesen Tagen um und löscht, wer nicht ausdrücklich mit umziehen will. Ich stelle mir nun vor, ein QR_Code verwiese auf dem Grabstein auf den virtuellen Friedhof. Eine Löschung machte ihn künftig zu einem ”toten” Verweis. Schade, wenn die digitale Erinnerungskultur so von Kurzlebigkeit bedroht ist. Vorläufig und um zu zeigen, wie ich mir ein solches Angebot vorstelle, habe ich diese kleine Seite eröffnet. Wem die Idee und vielleicht auch die Möglichkeiten zur freien Gestaltung hier gefallen, den lade ich ein, hier Seiten für ihre Verstorbenen einmal erstellen zu lassen/ oder selbst zu erstellen. Schreiben Sie mir dann einfach eine Mail: admin@heimgegangen.com Mir scheint aber bedeutsam: Virtuelles und reales Grab sollten (per QRCode) verknüpft sein. Am Beispiel der Seite meiner Eltern sähe der so aus und kann mit einer Qr-LeseApp genutzt werden, um direkt am Grab, die Seite aufzurufen. Das virtuelle Gedenken sollte auf mehrere Jahre hin angelegt sein. Erinnern, trauern, Trost suchen und spenden sollten hier möglich sein. Zum Schluss aber noch eine Anekdote aus dem Leben meines Vaters. Es gab zwischen ihm und seiner Mutter eine über Jahre sich hinziehende ”Gesprächspause”. Irgendwann kam es zu neuerlicher Annäherung. Familienbesuche waren so für kurze Zeit im Vorfeld des Todes meiner Oma durchaus wieder üblich, wenngleich sie aufs Ganze gesehen doch selten blieben. Als nun meine Oma mit gut 90 Jahren verstarb und wir gemeinsam an der Beisetzung teilnahmen, stand mein Vater neben mir am offenen Grab seiner Mutter und weinte, wie ich ihn selten habe weinen sehen. Als ich ihn irritiert über seine Gründe befragte, antwortete er mir: ” Ich weine ja gar nicht um Oma, ich weine um mich”. Ich frage mich, ob darin nicht eine zutreffende Charakterisierung von Trauer insgesamt formuliert ist und die auch Leitmotiv für eine digitale Darstellung sein könnte. Sicher, digital weinen ist eine absurde Vorstellung. Aber…eine digital aufgestellte Erinnerungskultur, die die Ausdrucksformen realer Friedhöfe unterstützt, begleitet, ggfls erweitert scheint mir gar nicht so absurd. Die Lebenden wie die Toten sind hier gleichzeitig Inhalt.Beide geraten noch einmal zueinander in Beziehung. Weit mehr als bloßes Archiv. Es könnte über den Tod hinaus gestalteter Beziehungsraum sein. Meist von dem gestaltet, der am offenen Grab auch über sich geweint hat.Die Lebenden wie die Toten sind darin gleichzeitig Inhalt. Probieren wirs?