Mosaik der Annäherungen

1. Was ich weiß und wieder nicht.

Auf dem Grabstein eines der größten Philosophen des 20.Jahrhunderts, Ernst Bloch, sollen die 3 einfachen Sätze eingemeißelt stehen: 

  • Ich bin.
  • Ich hab mich nicht.
  • Ich werde.

3 Sätze, die das Fundament für Hoffnung bilden. Aus dem Sich-nicht-besitzen-wollen entsteht erst die Möglichkeit ständiger Erneuerung, ständigen Neu-Werdens, ohne das ja Hoffnung gar nicht denkbar wäre. 

Doch will ich einen Menschen beschreiben, so friert dieser Versuch beinahe zwangsläufig das ständige Werden zu einem Bild im gegebenen Augenblick ein.

Aus dem ständig sich verändernden Menschen wird etwas Starres, eine Statue.

Wenn die 3 einfachen Sätze Blochs also stimmen, dann muss jeder noch so sorgfältigen Beschreibung von Menschen also etwas Falsches von vornherein anhaften. Du sollst dir kein Bild machen, weder von dem, was im Himmel ist, noch von dem auf Erden. – Und doch tun wir es. Wir tun es, weil wir uns in diesem Augenblick verhalten müssen. Wie sollte das je funktionieren ohne gewisse Annahmen über das Sein des Anderen, der Anderen?

Ich denke, dass das Zauberwort, das diese Widersprüche glätten, gar auflösen kann “Dialog” heißt. Im Miteinander-Sprechen gibt es die Chance Sein, Werden-(Wollen) sowie die beschreibende Außenansicht zu vermitteln.

Wenn aber der oder die Beschriebene bereits verstorben ist?….

Ich gehe noch einmal auf die 3 einfachen Sätze zurück und variiere sie leicht:

  • Ich war.
  • Ich hatte mich nicht.
  • Ich wurde.

Ich denke, jedem fällt sofort die Veränderung des Sinns durch diesen schlichten Tempus-Wechsel auf. “Ich war” wird schon grammatisch zu einem kaum mehr erträglich korrekten Satz. Im Gegensatz zu “Ich bin” kann der Sprecher, der ja gegenwärtig spricht, seine Vergangenheitsform behaupten. Also verstehen wir den Satz auch gar nicht so. Sofort möchte wir nachfragen:”Ja, wer oder was warst du denn?” Der Satz ruft nach Ergänzung. 

Ähnlich verhält es sich mit dem “Ich wurde”. Entweder klingt auch dieser Satz nach Unabgeschlossenheit, die der Hörer des Satzes sofort durch Nachfragen aufgehoben sehen möchte, oder das “Ich wurde” ist selbst schon Abschluss, Festschreibung des zuvor geäußerten Satzes “Ich bin”. 

Vielleicht ist der mittlere Satz, das “Ich hatte mich” noch die akzeptablste Variante. Doch möchte ich als Schreiber und Hörer sofort ein “Aber” hinten dran stellen, mit dem ich den Satz weiterführe und abschließe. Etwa so:” Ich hatte mich nicht, aber schon bald fand ich mich”.

Was lehrt mich, uns dieses Nachdenken über grammatische Zeitformen? Die Vergangenheit drängt auf Abschluss oder ist es selbst. – Nur die Gegenwart ist für das Werden offen.

Wenn ich also in meinem Trauer-Prozess hier meine Eltern beschreibe, so kann ich keine Korrekturen mehr im Dialog mit ihnen erwarten. Meine Beschreibungen werden zu Festschreibungen. Die kleine Sprachübung “aus der Gegenwart- in die Vergangenheitsform” mahnt mich, mein eigenes Bild meiner Eltern, solang ich das jedenfalls kann, zu verändern und neu zu gestalten….Wir können Bilder unserer Verstorbenen auch wieder zerreißen oder zerbrechen und neu zusammensetzen. Oder… ich lasse zu, dass mein Bild von meinen Eltern durch die anderer ergänzt wird. Ein biografisches Mosaik.

In diesem Sinn habe ich unten 2 Beiträge von Pastorin Pferdmenges, die den Trauer-Gottesdienst gehalten sowie die Beisetzung meiner Mutter vorgenommen hat und der Pflegeschülerin Ivanova mit aufgenommen. Beiden danke ich sehr für ihre Unterstützung. 

Darüber hinaus habe ich versucht mich in meinen Vater, meine Mutter hineinzuversetzen und aus ihrer Sicht, ihre Biografien zu erzählen. Aber natürlich weiß ich, dass auch dies nur Krücken sind, die nur wenig daran ändern, dass es meine unzulänglichen Bilder von meinen Eltern sind.

2. Walter

Hör-Angebot für den Text „Walter“

Walter. Ich

Vor vielen Jahren stand ich am Grab meiner Mutter, Emilie Emmrich, geborene Horch. Sie ist 94 Jahre geworden. Damals, mit Tränen in den Augen, hatte ich mir vorgenommen: Ich wollte so alt werden wie meine Mutter, nein – älter. Es war wie ein Wettbewerb , in dem ich sie besiegen wollte durch Älterwerden. Hab ich nicht ganz geschafft, weil ich irgendwann vergaß, die Zeit zu messen und zu vergleichen. Irgendwann wurde mir vieles gleich gültig.

Mit 90 fragte mich mein 2.Sohn, ob ich mir die 100 vornehmen wolle.“Bist du verrückt?“, fragte ich ihn zurück. „Es ist genug, antwortete ich“. Ich war es leid geworden. Hatte genug am Leben mit seinen Pflichten, seinem Müssen und den endlosen Streitereien. Immer stark sein, durchhalten, weil vielleicht… dahinten, später ein Lohn, eine Freude, eine Liebe wartet. Mit meiner Frau habe ich mich am meisten gestritten. Dabei wollte ich doch immer nur für sie streiten.
Meine Frau, diese blonde Schönheit, die mir das Gefühl von Bedeutung verlieh als Mann an ihrer Seite.

Was bedeutet das aber, wenn Sie schwindet, die Schönheit? Schönheit kommt von innen, sagt man. Innerlich war Marianne ein verletztes Mädchen geblieben. Ihr ganzes langes Leben lang. Ich wollte der große, starke Mann sein, der ihr hilft im Leben. Doch war ich selbst nur ein geschundener Überlebender des Krieges. Flugzeugabsturz, das BleiGift des Flugbenzins im Blut, Zähne und Wirbelsäule waren mein Tribut an das Leben in der Geschichte. Der lange Treck der Vertreibung nach dem Zusammenbruch der Armee und des 3.Reiches zehrte an mir…schlug mir auf den Magen…die vielen Kämpfe nach dem Krieg, ums Überleben, um Anerkennung und um Liebe …, mein Magen konnte das nicht mehr ertragen. Er brachte mich fast um mein Leben. Meine Mutter, diese kleine energische Frau, hart in Haltung und Gemüt, hatte nach dem Krieg, als wir ausgehungert und erschöpft endlich den Westen erreichten, wir bei ihr vor der Tür standen, keine Freudentränen. Wir waren ihr Last. Marianne hätte sie gern gegen eine andere Schwiegertochter getauscht. „ Du bist ein gut aussehender Kerl, du hättest hier fast jede haben können. Statt dessen kommst du mit diesem daher gelaufenen Mensch an.“…

Ich weiß nicht, ob man sich das vorstellen kann: Ich komme nach Hause mit der Sehnsucht nach einem Ort der Geborgenheit, der Ruhe nach der Scheiße, die wir durchlebt und überlebt hatten und bekomme genau das … nicht. Sogar meinen geliebten Hund Alex hatten sie verkauft und den Sold, der nach Hause ausgezahlt wurde, einbehalten. Meine Irrfahrt begann eigentlich hier erst. Denn die Zeit des Krieges, die Flucht nach dem Zusammenbruch waren ja Wege nach Hause. So hatte ich gedacht. Damals wusste ich noch nicht, dass Heimat eine unstillbare Sehnsucht ist. Kein Ort, nirgends. Als ich das begriff, konnte ich gehen. Eigentlich wohin ich wollte, mit dem Menschen, den ich gewollt hatte. Nun waren wir zu dritt. Mein Ältester war geboren. 1954 zogen wir weg vom Neckar, von dem heimatlosen Ort, an dem ich geboren war, der Arbeit hinterher, nach Marsberg. Doch Streit, Kampf, Mühe zogen mit. In fremder, manchmal feindseliger Umgebung bauten wir ein Zuhause, unser Haus. Unser kleines Glück: Ein Haus, die Kinder, die Straße…mit Nachbarn ähnlichen Schicksals. Das sollte uns keiner mehr wegnehmen. So hofften wir.

Dennoch…auch ein Zuhause aus Stein kann Krankheit nicht heilen, höchstens lindern. Ich weiß nicht genau, an was Marianne erkrankt war, aber sie war krank. Bestimmt. Oder ich? Bei mir war es Magen, Wirbel, Zähne…Bei mir halfen OPs. Sie jedoch blieb inoperabel. Die Seele kann kein Chirurg mit einem Schnitt befreien…Wie oft stand ich Zorn zitternd da vor ihr. Doch all mein Brüllen erschöpfte mich nur, ohne bei Marianne einen Erfolg zu haben. Ich konnte sie damit nicht retten und meine verzweifelte Not auch nicht heilen. So verschanzten wir uns vor einander. In den Jahren wurde der Stellungskrieg immer schlimmer. Ungelöste Wut, ohne Zärtlichkeit. Jahrzehnte ohne körperliche Berührung, ohne Erotik. Hinter Öltanks hatte ich ein paar Hefte. Bilder fremder, nackter Frauen, die mir wenigstens für Minuten halfen, meine Lust zu befriedigen. Lange spürte ich sie noch als Lust aufs Leben. Wie ich die Freundlichkeit anderer Frauen genoss. Das verbesserte natürlich nicht Mariannes Gefühl der Verletztheit. Aber ich hatte nie die Grenzen meines Eheversprechens überschritten, sie nie betrogen. Und verlassen hab ich sie auch nie. Obwohl ich in manchem Streit nah dran war. Einmal stand ich sogar schon mit gepacktem Koffer auf der Straße, da flehte Sie mich an „ Walter, komm doch bitte zurück.“ Da ließ ich mich erweichen und ging wieder ins Haus. Ich hatte es ihr ja schließlich einst versprochen, Sie zu lieben, zu ehren, in guten wie in schlechten Zeiten.., bevor wir aufbrachen im großen Treck der Vertreibung. Damals mit 25 Jahren und sie 20 ahnten wir beide noch nicht, dass es mitten im „Waffenstillstand“ noch immer so wenig Frieden geben würde. Doch irgendwie haben wir uns beide an unseren Versprechen und manchmal auch tatsächlich aneinander festgehalten. Das waren so schöne Momente für mich. 4 Monate vor meinem Tod, war ich für kurze Zeit im Altenheim. Dort fühlte ich mich wohl. Wie liebevoll die Frauen, Schwestern mit mir umgingen…Ich war gern dort. Endlich hatte das Gebrüll, der ewige Streit, das Kontrolliertwerden durch Marianne ein Ende. Eigentlich habe ich nie richtig begriffen, warum sie ständig das Gefühl hatte, dass sie etwas Wichtiges verlöre, irgendwer ihr etwas wegnähme und nur Kontrolle sie vor den schlimmsten, sicher bald eintretenden Verlusten bewahren könne. … Meine kleine Zeit des Friedens. St.Franziskus sei Dank. Ach, am liebsten wäre ich dort geblieben. Doch als mich mein Sohn fragte, ob ich ganz da bleiben wolle, hab ich mich ein letztes Mal an mein Versprechen erinnert.“ Ich kann Mama doch nicht allein lassen.“ Zu schwach zum Gehen und zu schwach zum Bleiben. Als ich damals am Grab meiner Mutter stand, kamen mir die Tränen, trotz des Streits und der Verletzungen mit ihr und durch sie. Weinen wir nicht alle am Grab um uns selbst?

Beisetzungslieder

3. Marianne

Biografie-Arbeit der Pflege-Schülerin Ivanova


Marianne.Ich

Hör-Angebot für den Text „Marianne“

Ach je, all die Flüchtlinge sind mir heute doch Boten des Unglücks, das über mich kam damals vor 70 Jahren. Unglücksboten sind sie. Früher hätte man denen die Tür vor der Nase zugeschlagen, Sie als Pack beschimpft, mit Steinen beworfen, bis sie endlich umkehren oder an anderer Tür klopfen. Der Bote des Unglücks bringt es nur ins Haus des Gastgebers. 

Was sind wir früher beschimpft worden als wir 1945, 1946 uns durch das furchtbar zerstörte Land durchschlagen mussten. 2 Holzkoffer hab ich behalten aus dieser Zeit. Darin war meine ganze Habe aus meinem vorigen, jungen Leben. 2 Koffer Heimat waren alles, was ich behielt. Sie stehen heute noch in meinem Haus, das ich mit meinem leider schon verstorbenen Mann durch meiner eigenen Hände Kraft nach dem Krieg gebaut habe. 2 Koffer. – Wenn mein Sohn die nicht an sich genommen hat. Wie anderes, das mir genommen wurde. Heute sitze ich in diesem Heim, zu nichts mehr nütze und starre die Wände an. Ein sinnloses Leben. Ich meine hier und jetzt. 93 Jahre wärt mein Leben nun schon. Alles wurde mir Verlust, meine Hände, denen anderes versprochen war als harte Arbeit, die aber hart wurden im Laufe der Zeit und kräftig, konnten nichts wirklich halten. Mein Leben, eine Fahrt durch dichten Nebel. Verloren, Verlust, vergangen. 

Ohne Zukunft trotz glänzender Jugend irrte ich durch die folgenden Jahrzehnte, die nicht meine waren. Untot aber auch nicht wirklich lebendig. Freude hatte ich an meinem Haus, diesem kleinen Stück Heimat. Wozu nur hatte ich mich so abgeplagt, dass ich es doch wieder verlöre? Mein Sohn wendet ein, ich habe es doch 60 Jahre bewohnt und es diene mir heute noch, um meinen Heimplatz zu finanzieren. Für ihn sind es nur Steine. Ich habe aber mit dem Verlassen des Hauses wieder meine Heimat verloren. – Das trifft es andererseits nicht richtig. Verlieren … ich verliere mein Portemonaie oder einen Schlüssel… , vielleicht weil ich unaufmerksam war, es,er ist mir so aus der Hose gerutscht…unbemerkt von mir. Schön blöd, ärgerlich. Ich gehe also zum Schlüsseldienst oder ins Kaufhaus und besorge mir neu, worauf ich nicht achtgab: Wenn ich jedoch meine Heimat verliere, verliere ich alles, aus dem ich und in das ich geboren wurde: die Tradition, die Geschichte, die Sprache. 

„Fräulein, haben Sie vielleicht eine schöne rosa Heimat heute im Angebot? Nein? Dann vielleicht eine grüne? Danke, was bekommen Sie dafür?“ 

Die Heimat ist mir für immer verloren. Ich verliere mich selbst. Dabei ist verlieren hier auch aus anderem Grund nicht das richtige Wort. Ich habe an diesem Verlust ja keinen aktiven Anteil. Ich kann doch nicht sagen, ich war unaufmerksam. Selbst schuld, dass ich meine Heimat verlor. Mir wurde sie genommen. Ich bitte darum, redet nicht von verlieren, wo stehlen, rauben, entreißen die richtigen Worte wären. Alles wurde mir genommen in meinem Leben. Deshalb bin ich auch kein Flüchtling. Fliehen ist eine aktive Reaktion auf Gewalt. Ich bin Vertriebene. Macht mich nicht in den Topf mit den Flüchtlingen heute, die heute zu Hunderttausenden kommen. Aus Afrika, Arabien oder woher auch immer. Sie wollen zu uns, nach Europa, Deutschland. Ich hab nirgendwo anders hin gewollt. Prag, die Sudeten wollte ich nie verlassen. Hab ich auch nie. Sie haben mich vertrieben.Und dabei haben Sie mir alles genommen.Mit 20.

Die Stationen meines folgenden Lebens waren im Grunde namenlose Geisterstätte. Sie hatte Namen, sicher, waren aber für mich ohne Sinn und Leben. Hatte nicht Teil an Ihnen , kam nicht aus ihrer Geschichte und hatte keine eigene mehr. Ich war irgendwie gestrandet, baute das Haus, zog Kinder auf, um wenigstens etwas das Gefühl eines sicheren Lebens zu haben. Aber auch die sind mir entrissen worden. Vom Tod oder Schicksal. Den Schlüssel zu meinem Haus, ja, es gehört noch mir, finde ich nicht. Mein Sohn hat ihn und vergisst ständig, ihn mir wieder zu geben…Ich muss ihn erinnern.


Jetzt nicht


Das Telefon klingelt

der Name,Wegwerfartikel

die Klage der Einsamkeit

der Gruß aus dem Land 

der Vergessenen

die Fragen nach Verdienst und

Lohn

Unschuld sei ihr Vorname

Vertriebene der Nachname.

Heimatlosigkeit und

Sehnsucht 

Kleid und Schuhe.

Immer

und immer wieder

klingelt das Telefon

auf dem Display – Mama

der Name,Wegwerfartikel

die Klage der Einsamkeit

der Gruß aus dem Land 

der Vergessenen,

die Fragen nach Verdienst und

Lohn

Unschuld sei ihr Vorname

Vertriebene der Nachname.

Heimatlosigkeit und

Sehnsucht 

Kleid und Schuhe.

immer 

und immer wieder

der Name,Wegwerfartikel

die Klage der Einsamkeit

der Gruß aus dem Land 

der Vergessenen

die Fragen nach Verdienst und

Lohn

Unschuld sei ihr Vorname

Vertriebene der Nachname

Heimatlosigkeit und

Sehnsucht 

Kleid und Schuhe.

Das Telefon wird 

still

Aus der Welt

Das Zimmer verbreitet den milden Schein des Halbdunkels. Es ist 16.30 an diesem Donnerstag. Draußen Herbst ohne besonderes Leuchten. Noch zeigen die Eichen kein gelbes Blatt. Aber die Luft ist kühl und klar. Eigentlich ein schöner Oktobertag. Es ist der 30.September. Die Wände wie in den letzten 5 Jahren. 2 Hochzeitsbilder untereinander mitten auf der Wand. Das Kopfende des Bettes darunter. Ein Bronzekreuz daneben. Jemand hat einen Buchszweig diagonal dahinter gesteckt.Vor Monaten wohl, denn das Grün ist dem blassen Beige gewichen.Nur am unteren Ansatz nah der Schnittstelle ist noch ein zarter Hauch Oliv zu sehen. Wenn das wache Auge aufmerksam ist. Draußen behauptet Fröhlichkeit, wie schön das Leben ist… in Wellen dringt Gelächter und Akkordeonklang in das Zimmer. Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, Trink Brüderchen,trink….Klänge des Oktoberfests hier im St. Franziskus….

Doch sie liegt hier, ist nicht draußen. Weiß das Hemd, das nicht mehr ihr persönliches Nachthemd ist, weiß das Kissen, auf dem die wenigen Haare eine Corona um den Schädel zeichnen. Eingefallen die Wangen, der Mund. Blau und lila zeichnen die Adern eine Landkarte auf die Schläfen. Wohin sie führen und woher sie kommen? Vieles bleibt trotz Wissen verborgen. Karte eines unbekannten Landes. Die Lippen enthornen sich, Hautfetzen auch auf der Zunge. Da hilft kaum das Einweg-Mundpflegestäbchen, das das Haus in großer Menge in eine Schale neben das Bett gelegt hat. Der Mund schreit stumm nach Wasser. Doch der Rachen kann nur Tropfen aufnehmen. 

Sie oder wer? zeigt nun, was ihrem Sohn am Bett ein ganzes langes Leben verborgen war… An ihrem  Ohr sieht er, was Bettlaken und Hemd verdecken: das verknorpelte Dreieck ihrer Scham. Er hat in der Handreichung “ Die letzten Wochen und Tage” des Hauses gelesen, dass Sie hören wird, noch länger als sie sieht und fühlt. Das Akkordeon spielt “Tanze mit mir in den Morgen”. Jeder Atemstoß ein Ächzen. Dem Sohn, der ihr seine Hand bietet, kommen die Wellen der Fröhlichkeit draußen wie von einem anderen Erdteil vor. Botschaften aus den warmen Teilen der Erde, während das Zimmer in der blauen Stunde winterlich dämmert.

Immer wieder tastet ihre Hand ins Nirgendwo. Als wollte sie winken, ziellos. Wenn er sie ergreift, spürt er, dass die Mutter für einen kleinen Augenblick ruhiger wird. Sie klammert sich an seine beruhigende Hand. Als er sich zu ihr herunter beugt, gibt sie ihm mit letzter Kraft ihren Kopf hebend einen Kuss auf seine Wange. Er dreht sich etwas, dass seine und ihre Lippen sich berühren. Er hat diesen Kuss so lang vermisst.

“ Ich bin ja so unglücklich”, haucht sie, als er hinaus geht. Da ist es 18.00. Um diese Jahreszeit wird es um 19.00 dunkel.

Beisetzung

Beisetzungsgottesdienst mit Ansprache