Kurz davor

Erzählt nach einer Begebenheit am Sterbebett

von Axel Emmrich

Ob etwas davor oder danach kommt, ist nicht nur eine Frage der Chronologie. Es ist eine Frage des Übergangs und kann sein auch eine Frage der Richtung manchmal. Dann ist dies auch kein Gehen vielleicht, wie die Rede vom Übergang es nahe legt. Es kann auch ein Fallen, ein Schweben, ein Vergehen sein.

„Hast du Angst, davor?“ – fragte die Freundin. Er lag fast noch sitzend auf 4 Kissen. Seine Hand wischte über die blaue Decke, deren Leuchten etwas von der Klarheit eines Mittelmeertages ins Zimmer trug. „Ich hab hier Erdbeeren, es kommen mir jetzt oft die seltsamsten Dinge dazwischen. Eine andere Wirklichkeit, ich weiß nicht woher“, nuschelte er undeutlich ins triste Grau dieses JanuarMittags.

„Angst, … wenn du es sagst“, nahm er die Frage auf. „Ich weiß nicht, was sein wird, ob es einen Gang an die Klippen sein wird, ob es ein Stürzen sein wird, ein Fallen oder ein Fliegen wie mit einem Paragleiter in den Aufwinden der Thermik, der von der Sonne erhitzten Felswand. Oder wird die Sonne mir die Augen so blenden, dass überall nur noch Licht sein wird?“

„Du hast also aus Ungewissheit Angst“, griff der ebenfalls anwesende Freund in das Gespräch ein.

Ein wenig verdrehte der Patient die tief liegenden Augen. Ob als Kommentar oder von Müdigkeitswellen fortgetragen , blieb unklar…Die Freundin, der Freund, die Frau , der Sohn verharrten schweigend, sie warteten. Als er die Augen wieder öffnete, fragte der Freund:“Wenn du so weg dämmerst, verändert sich da der Höreindruck bei dir? Hallen dann unsere Stimmen, wie bei Fieberkranken?“, fragte der Freund „Sie klingen dann von immer weiter weg, aber nicht so wie im Fieber. Wenn ich Fieber hatte, fand ich das immer furchtbar. Dies hier ist anders. Die Stimmen verklingen jetzt eher, ohne jenes fiebernde Aufschrecken“. Er mühte sich sehr, der Frage so gut er noch konnte nachzusinnen. Wieder wischte seine Hand, so als wollte sie nach etwas greifen. Oder verwies sie jemand des Raums? Oder winkte sie Andeutungsvoll? „Stopp, Kindern ist der Durchgang hier verboten“, seufzte er, nur um gleich anzufügen: „Zack, schon wieder diese andere Wirklichkeit. Das habe ich in den letzten Tagen dauernd.“ Er lächelte. Vielleicht aus Scham? Vielleicht aus Sorge vor den darin möglichen Zeichen? Vielleicht, um die 4 anderen, die jetzt schon weiter weg waren von ihm, als sie es selbst merkten zu beschwichtigen? Sie waren da, sie wollten da sein, wenn er doch gehen wollte, musste…

„Und doch macht es Sinn, mein Lieber“, nahm der Freund den dünnen Faden der Worte zwischen Ihnen wieder auf, „Hier sollte Kindern der Durchgang verboten sein.“

Er reagierte nicht.“Es wäre schön, wenn dieses Verbot hier von allen beachtet würde, findest du nicht?“… Der Mensch in den Kissen lag still mit halb geschlossenen Augen. Die Lider verbargen kaum seinen Kampf, noch einen Augenblick im Hier und Jetzt zu bleiben.Noch war die Decke aus Diazepinen und Morphin dünn. So dünn, dass er unvermittelt die Augen aufriss und mit einer fast lässigen Handbewegung diesmal nach Tomaten griff, die nur ihm greifbar waren.„Schon wieder saust die rote Wirklichkeit auf mich zu.Ich kann nichts dagegen tun.“ „Erinnerst du dich an unsere Pfingstausflüge nach Texel?,“ lenkte die Freundin ab…., „ wie ihr Männer und deine Frau Frisbee gespielt habt am Strand, als eine offenbar super attraktive Frau in engem Bikini an der Wasserlinie entlang schlenderte und ihr, um ungenierter Blicke zu genießen mit einem kräftigen Wurf, Christel beschäftigtet mit dem Zurückholen der Scheibe?“ Er lächelte und kommentierte es nicht. Und auch seine Frau lächelte nur kurz. „ Ich meine,“ fuhr der Freund fort, „ was wirklich ist, lässt sich doch nicht so einfach sagen. Einig sind wir uns bei Frisbee-Scheibe, Sand, Meer und Frau im Bikini. Aber schon, über die Frage, ob sie schön war oder eher gutaussehend, dürfte nicht in jedem Fall Einigkeit herrschen. Erst recht nicht, ob sie so schön war, dass alle nur schauen wollten oder ob Du tatsächlich die Scheibe nur so warfst, dass Christel dich beim Schauen nicht störte.“ “Vielleicht ist das mit allen Anderem genauso?’ “ warf seine Frau ein… Wieder schwieg er.Die Stille schwebte im Raum, leichter Schneefall setzte draußen ein.War alles gesagt? … Der Freund nahm noch einen Anlauf: “Beim letzten Besuch versagte mir die Stimme. Ich wollte dir da schon sagen, wie froh ich bin, dass du mir und uns Freund warst über die vielen Jahre”. Er richtete sich energisch auf seinem Lager auf. Für einen Moment zog sich der Schleier des Beruhigungsmittels von seinem Gesicht zurück. Aus der Tiefe der Höhlen schienen die Augen noch einmal Glanz zu bekommen. Er erwiderte lächelnd : “Eine lange Zeit, wir haben viel gemeinsam unternommen. Danke euch beiden, danke”. Dann sank er wieder in seine Kissen. Er schwieg. Seine Frau wischte sich eine Träne. Der Freund, die Freundin nickten und der Sohn nahm still seine Hand.Warten ohne Sehnen, Warten auf das Klingeln der Haustürschelle. Der Medizinische Dienst war für 13.00 Uhr angekündigt